Klaus Nicolai – European Tele-Plateaus

European Tele-Plateaus

Vernetzte Orte der Echt-Zeit-Begegnung und Co-Produktion

Klaus Nicolai

Rubriken sind im Zeitalter der universal vernetzten Kommunikation nicht unproblematisch, auch wenn wir nicht ganz ohne Gliederungen z.B. in einer Publikation wie dieser auskommen. Der Claster „Kunst & Kultur“ suggeriert eine Begrenzung auf „Fakultatives“, die es genau besehen nicht gibt: Jede Form von Medienentwicklung greift per se in die menschliche Wahrnehmung der Wirklichkeit ein und modelliert diese neu. Unser Selbst- und Weltverhältnis verändert sich dabei grundlegend. Damit ist ein kultureller Aspekt auch technologischer und wirtschaftlicher Entwicklungen hervorgehoben, der möglicherweise grundlegender ist, als wir bei aller Fixierung auf ökonomische Effizienz und Mehrwert wahrnehmen. So gesehen ist es wichtig, dass sich die T-Systems Multimedia Solutions zum 15. Gründungsjahr der ganzen Breite des neuerlichen Medialisierungsschubes widmet und von Beginn an auch an künstlerischen Projekten wie dem Festival CYNETART oder dem European Tele-Plateau (ETP) beteiligt.

Die Trans-Media-Akademie Hellerau ist als Plattform der experimentellen Medienkunstszene hervorgegangen, die nicht mehr nur die CYNETART veranstaltet, sondern darüber hinaus transdisziplinäre Innovationsprojekte von nationaler und internationaler Bedeutung in ihrem Labor entwickelt. Schwerpunkte bilden dabei vor allem vernetzte interaktive Räume der leibhaftigen Begegnung und Co-Produktion auf Basis originärer Entwicklungen im Bereich Net-Camera-Motion-Sensing Technologie (vgl. t-m-a.de/intele) sowie das Projekt Virtuelles Parlament – eine Netzplattform zur Unterstützung einer politischen Kultur des 21. Jahrhunderts (virtuellesparlament.de).

Vernetzte europäische „Weltbühnen“ und Plätze der transnationalen Begegnung

Menschen in Dresden, Madrid, Stockholm, Prag und – nach erfolgreicher Weiterführung des
Unter anderem von der Europäischen Union geförderten Projektes – in St. Petersburg, Florenz, London, Moskau, Rotterdam, Paris oder Brüssel können künftig verbunden über einen Server und entsprechende Netzwerktechnologie mit ihren körperlichen Bewegungen ohne Bedienung zusätzlicher Interfaces miteinander tanzen, forschen und spielen indem sie zeitgleich Bilder und Klänge kreieren. Diese Vision eines europäischen Hyper-Ortes ist machbar! Er bildet sich aus vernetzten audiovisuellen „Umgebungen“, welche durch die Bewegungen von Menschen an verschiedenen Orten Europas hindurch „komponiert“, „gesteuert“ und „strukturiert“ werden. Das heißt, der gleichzeitig an allen physischen Orten präsente virtuelle Hyper-Ort bildet sich durch die Generierung von Daten, die innerhalb eines OSC-Netzwerkes allen Rechnern für die Bearbeitung zur Verfügung stehen. Unterschiedliche „Bewegungsparameter“ (Geschwindigkeit, Lage im Raum, Ausdehnung usw.) werden im Net-Camera-Motion-Sensing System digitalisiert und zwischen den Rechnern an den technisch gleich konfigurierten Orten getauscht. An den jeweiligen Orten selbst werden die numerisch codierten Bewegungsparameter in lokal identifizierbare Sound- und Bildprozesse transformiert, so dass ohne merkliche Zeitverzögerung der audiovisuelle Hyper-Ort zeitgleich das Environment der jeweiligen Live-Performances bildet.

Telematik der Zukunft

Es handelt sich dabei insofern um eine Telematik der Zukunft, als die weitere Entwicklung von leibhaftig begehbaren virtuellen Hyper-Orten eine völlig neue Art der Begegnung zwischen Menschen an unterschiedlichsten Punkten der Welt ermöglicht. Das öffnet nicht nur neue „ökologische“ Wege der kulturellen Kommunikation, des Spiels, der Forschung und der künstlerischen Performance, sondern schließt vielfältige weitere Anwendungen – vom interaktiven Lernraum bis hin zum interaktiven Wohn- und Kinderzimmer – ein.

Der menschliche Körper selbst ist dabei das entscheidende Interface der Kommunikation! Die jeweilige technisch-künstlerische Konfiguration stellt lediglich audiovisuelle, sensorische und kybernetische Rahmenbedingungen zur Verfügung, die als mehr oder weniger dynamische synästhetische bzw. kinästhetische “Übersetzer” (Transformatoren) von körperbetonten Interaktionen fungieren. Letztlich kann sich jeder Nutzer des virtuellen, translokalen Interaktionsraumes selbst in die Gestaltung der technisch-künstlerischen Kontexte einbringen und seine eigenen „Umwelten“ kreieren.

Die telematische Performance untersucht und verknüpft unterschiedliche geografische, kulturelle und virtuelle Raum-Zeit-Situationen. Auf der Basis gleich konfigurierter Net-Camera-Motion-Sensing Systeme und deren Vernetzung über die Software OpenSoundControl (OSC) bilden die vernetzten europäischen Orte einen einzigen virtuellen „Bühnenraum“ bzw. einen öffentlich begehbaren translokalen Interaktionsraum. Die Versuchsanordnungen „generieren“ durch die gleichzeitig stattfindenden Life-Performances einen translokalen Hyperort, der sich nicht nur mit den physischen Performances an den jeweiligen Orten verbindet, sondern durch diese hindurch erst entsteht.

Der translokale Hyper-Raum als virtuelles Welt-Raum-Labor

Die Entwicklung von Tele-Plateaus als transnationale virtuelle Orte der leibhaftigen Interaktion integriert unterschiedlichste Disziplinen und beinhaltet völlig neue Kommunikations- und Kooperationsweisen. Virtuelle Hyperorte können letztlich nur entstehen, wenn zwischen verschiedenen realen Orten gleichberechtigt – sowohl künstlerisch als auch technologisch – an einem virtuellen Bild-Klang-Raum gearbeitet wird. Dabei bildet sich eine neue Art von permanent korrespondierender künstlerischer Forschung und Entwicklung innerhalb des Hyperraumes selbst. Das heißt, der transnationale Hyperraum besteht nicht lediglich aus addierten virtuellen Umgebungen, sondern der Prozess der Herstellung, der Konfigurierung und leibhaftigen Re-Komposition der Tele-Plateaus findet letztlich selbst seine entscheidende Realisation innerhalb dieses transnationalen Hyperraumes.

Jede Art der Gestaltung von auditiven und visuellen virtuellen Umgebungen muss integrativ in Richtung auf den transnationalen Hyperraum konzipiert, konfiguriert und komponiert werden und kann auf dieser Basis auch nur im Hyperraum – als Integral aller lokaler Aktivitäten – den Ort der Erprobung und Anwendung finden. Künstlerische Arbeit ist damit in jedem Fall transnationale Co-Produktion, ein interdisziplinärer Prozess der Korrespondenz als permanente Abstimmung, Erprobung, Erforschung!

Dies ist in bestimmter Hinsicht vergleichbar mit der Betreibung einer internationalen Weltraumstation: Alle technischen Systeme, Arbeitsformen, Ziele und Strategien müssen auf einen Hyper-Ort fokussiert werden, der keine lokal oder territorial begrenzte Bestimmung hat.

Letztlich besteht das Ziel aller Aktivitäten in einem weltweiten Netzwerk von öffentlich begehbaren Tele-Plateaus, die als Probebühnen für leibhaftige Interaktionen zwischen Bürgern der Welt fungieren (Virtuelle Plätze der Weltkulturen). Diese Begegnung – und das ist das entscheidende – muss keine Räume überwinden, muss nicht fahren oder fliegen, braucht also keine Fahrzeuge und Flugzeuge, in denen man fest angegurtet ist. In diesem Sinne ist eine Begegnung im Hyperraum als unmittelbar korrespondierende Körperbewegung und Erprobung weltbürgerlicher Interaktionsfähigkeit möglich. Diese neuen virtuellen „Bühnenräume“ auf Basis schneller Internetverbindungen stellen nicht nur Regisseure, Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Bühnenbildner, Choreografen, Komponisten, Medienkünstler, Programmierer und Techniker, sondern auch Wirtschaftsunternehmen, Forscher und Wissenschaftler vor völlig neue Herausforderungen.

Die erste große Performance „body_spaces: Explorations of Nearness & Distance“ fand im Dezember 2009 zeitgleich in Dresden, Norrköping, Madrid und Prag statt. Die Tele-Plateaus verwandelten das 2006 wieder hergestellte und 1911 als weltweit erstes Theater ohne separiertem Bühnenraum eröffnete Festspielhaus Hellerau in einen zeitgemäßen „Experimentalraum“ zur Erkundung von künstlerisch und technologisch neuen Möglichkeiten der leiblichen Raum-Zeit-Wahrnehmung sowie der translokalen Interaktion und Co-Produktion. Das Festspielhaus Hellerau in Dresden wird so zum Bestandteil eines europäischen telematischen Labors, in dem Voraussetzungen für neue weltbürgerliche Produktions- und Interaktionsformen geschaffen und präsentiert werden.

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